Es ist denkbar, dass in zehn Jahren nur noch auf etwa 65.000 deutschen Betrieben Milch produziert wird.
Wie schätzen Sie den Strukturwandel in den nächsten zehn Jahren prozentual ein?
Dr. Ralf Over, Landesanstalt für Entwicklung der Landwirtschaft und der ländlichen Räume, Baden-Württemberg:Zunehmende Marktschwankungen und der Rückgang der politischen Einflussnahme verstärken den Kostendruck. Der Wettbewerb zwischen Erzeugern und Regionen wird zunehmen. Ein weiterer Strukturwandel zugunsten der konkurrenzfähigeren Betriebe wird die Folge sein.
Dr. Stefan Weber, LMS Landwirtschaftsberatung Mecklenburg-Vorpommern/Schleswig-Holstein GmbH: Rechnet man die bisherige Entwicklung mit einem drei- bis vierprozentigen Strukturwandel weiter, so könnte sich die Zahl der Milchproduzenten 2020 auf etwa 65.000 Betriebe in Deutschland vermindern. Da wir jedoch gute bis sehr gute Strukturen haben, kann man recht sicher sein, dass die Milchmenge insgesamt stabil bleib en wird. Das heißt, die Betriebe werden größer, und sie werden sich zunehmend spezialisieren. Das gilt umso mehr, da bei intensiver Bewirtschaftung eine sehr profitable Flächenverwertung zu erzielen ist. Das gilt jedoch nicht für jeden Betrieb.
Dr. Gerhard Dorfner, Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft:Wir rechnen mit einem Strukturwandel zwischen drei und fünf Prozent im Jahr.
Wie müssen Betriebe heute aufgestellt sein, um künftig erfolgreich zu sein?
Bernd Lührmann, Landwirtschaftskammer Niedersachsen: Sie müssen aus dem Gewinn des Betriebs Entnahmen decken und Eigenkapital bilden können. Das geht erfahrungsgemäß nur mit angepasster Faktorausstattung, einer effizienten Milchproduktion und einer stabilen Liquidität.
Dr. Ralf Over: Ich würde den Begriff Betriebe nicht nur auf die "Hardware" beziehen, sondern auf die Betriebsleiterfamilie erweitern. Das heißt, neben guten Produktionsleistungen und -bedingungen gehören auch intakte Familienbande und ein Sozialleben dazu, außerdem eine gute Arbeitsorganisation und Unternehmerfähigkeiten, das heißt, wissen, wo man steht. Ebenso wichtig sind eine selbstkritische Einschätzung der eigenen Fähigkeiten und die Möglichkeit, sich bietende Chancen zu erkennen und zu nutzen das ganze basierend auf einer guten Ausbildung.
Dr. Stefan Weber: Ein überdurchschnittliches Produktionsniveau ist zwingender denn je, reicht aber künftig nicht mehr aus. Betriebsoptimale Naturalleistungen sind mit moderaten Aufwendungen und Kosten zu kombinieren. Preisschwankungen gilt es, durch Betriebsleitergeschick und finanzielle Reserven abzufangen.
Dr. Gerhard Dorfner: Je nach betrieblicher Strategie: "Massenvermarktung" und Spezialisierung setzt Kostenführerschaft voraus. Mehrere Einkommens Standbeine stabilisieren auf Dauer nur, wenn sie zum Betrieb passen. Höherpreisige Vermarktung in Nischenmärkten funktioniert nur bei aktivem Handeln am Markt. Sich arbeitswirtschaftlich optimal zu organisieren, gilt für alle Strategien.
Bernd Lührmann: Das lässt sich nicht pauschal beantworten, da beispielsweis die regionalen Unterschiede hinsichtlich Pachtpreis, Flächengüte und Flächen-verfügbarkeit sehr groß sind. Es müssen aber deutlich überdurchschnittlichen Rentabilitäts- und Liquiditätskennzahlen erzielt werden. Hinsichtlich der Finanzierung sollten keinesfalls mehr als 5.000 Euro Fremdkapital pro Kuhplatz (nach Investition) im Betrieb sein. Und für Pachten und Kapitaldienste dürfen insgesamt höchstens 10 Cent/kg Milch bezahlt werden. mp/de
Der vollständige Beitrag ist in dlz November 2010 erschienen.