Detlef Steinert, Chefredakteur des dlz agrarmagazins zu statistischen Fehlleistungen der NRW-Antibiotikastudie.
Detlef Steinert, dlz-Chefredakteur
© Plettenberg
Im Zusammenhang mit einem Privatkredit hat Bundespräsident Christian Wulff auf Kai Diekmanns Anrufbeantworter gesprochen. Was er wollte, geschweige denn was er dabei genau gesagt hat, ist nicht wirklich klar. Es liegt aber nahe, dass es mit Diekmanns Job als Chefredakteur der Bild-Zeitung zu tun gehabt haben dürfte. Immerhin sind Bild und Diekmann nicht irgendwas oder irgendwer, sondern werden Tag für Tag von Millionen Menschen gelesen. Was Bild schreibt oder Diekmann sagt, bewegt; was nicht, eher nicht. Nun hat der Volksmund für den Vorgang „einen Anrufbeantworter besprechen“ ein neues Wort gefunden: wulffen. Darunter kann man aber auch „eine besondere Form mit Informationen umzugehen“ verstehen. In den Duden, der Instanz für deutsche Sprache, hat es wulffen allerdings noch nicht geschafft.
Ich präsentiere Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, hier einen Kandidaten, der es vielleicht schaffen könnte, in die deutsche Sprachbibel aufgenommen zu werden. Einen, bei dem die Chancen vielleicht größer sind. Steht dahinter doch ein aufstrebender Politiker, der sich selbst dem Verbraucherschutz verschrieben hat: Jung, dynamisch, ein David gegen die Goliaths dieser Welt. Johannes Remmel, Minister für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz in Nordrhein-Westfalen hat im November eine Studie zum Antibiotikaeinsatz bei Mastgeflügel in seinem Bundesland vorgestellt. Mit dem Ergebnis, dass sage und schreibe 96,4 % der Tiere in den untersuchten Betrieben mit Antibiotika behandelt würden. Die Lehre, die er daraus zieht, ist hinlänglich bekannt: das System der großen Haltungen (in seinem Jargon „Massentierhaltung“) funktioniere nur dank Antibiotikaeinsatz.
„Das hört man doch gerne als Medien-Mensch! Das Ganze erscheint uns ja seit jeher verdächtig. Ein Skandal. Da muss sofort was passieren.“ Flugs ist die Geschichte draußen, und verbreitet sich wie ein Virus. Dass es sich dabei um ein maskiertes Virus handeln könnte – eines das nicht gleich zu erkennen gibt, was es vorhat und mit dem sich das Immunsystem der Medienwelt vielleicht austricksen lässt -, blieb bis vor kurzem unerkannt. Jetzt wurde es enttarnt, sein Erbgut quasi entschlüsselt (
siehe dlz-Meldung): Weder die 96,4 % noch die Schlussfolgerung, gerade große Haltungen öffneten dem Antibiotikaeinsatz Tür und Tor, halten demnach einer Überprüfung stand. Das jedenfalls belegt ein Gutachten, welches für Abgeordnete des Agrarauschußes in NRW erstellt worden ist. Es weist auf weitere Unstimmigkeiten hin, etwa, dass zwischen Untersuchungszeitraum (Februar bis Juni 2011) und Veröffentlichung (November 2011) für den Substanzgehalt der Studie doch erstaunlich viel Zeit vergangen ist, oder dass die Zahlen der ausgewiesenen Datensätze (Mastdurchgänge) sich zwischen veröffentlichter Studie und zugrunde liegenden Rohdaten eklatant unterscheiden. Kurz und gut, das Gutachten kommt zum Schluss, den Abgeordneten „wurden falsche Daten geliefert.
Aber wohl nicht nur ihnen, sondern auch den Medien und damit der Öffentlichkeit. Mittlerweile wurde das Werk aus Remmels Ministerium zur Unstatistik des Jahres erklärt. Um noch eines drauf zu setzen, sollte ich mal der Duden-Redaktion schreiben und ihr einen Vorschlag machen: „Sehr geehrte Duden-Redaktion, ich bitte Sie zu prüfen, das Verb remmeln in den Duden aufzunehmen. Es bezeichnet den Umstand, dass ein Politiker ungereimte Informationen und / oder statistische Fehlleistungen als Fakten an Medien und Öffentlichkeit verbreitet“. Wäre doch gelacht, wenn ein aufstrebender Jungstar von Die Grünen/Bündnis 90 nicht schaffen würde, was einem altgedienten konservativen Politiker bisher versagt geblieben ist: Ein eigenes Wort im Duden, wie schon für andere ganz Große der Geschichte, zum Beispiel Louis Pasteur, nach dem die Pasteurisierung benannt ist, oder Samuel Morse, der das Morse-Alphabet erfunden hat. (ds/dlz agrarmagazin)