Reinhard Lühring hat in Ostfriesland über 25 Grünkohlsorten gefunden. In diesem Jahr werden in einem Vergleichsanbau mehr als 60 Sorten miteinander verglichen.
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Auf den meisten Bauernhöfen kam das Gemüse früher aus dem eigenen Garten. Dass die alten Gemüsesorten nicht nur für den Verzehr, sondern auch zur Saatgutgewinnung angebaut wurden, war früher selbstverständlich. Jede Region war entsprechend reich an robusten Gemüsesorten.
Reinhard Lührings Vorliebe gilt Ostfriesland. "Seit fast fünfzehn Jahren suche ich alte ostfriesische Gemüsesorten. Ich habe hier besonders viele alte Kulturpflanzen mit ihren besonderen Geschmackstypen gefunden. Wahrscheinlich liegt das an den individuellen Leuten, den kulturellen Gegebenheiten und der besonderen geografischen Lage", vermutet Lühring. Seine Heimat ist Rhauderfehn, das südliche Ostfriesland. Sein Betrieb liegt auf einem Geestrücken auf norddeutscher Marsch, 2 m über dem Meeresspiegel. Die Erde hat 32 Bodenpunkte und die meisten Landwirte in der Region leben von der Milchwirtschaft. Auch Reinhard Lühring stammt von einem Milchviehbetrieb in der Nachbarschaft. Zunächst lernte der heute 42-jährige Landwirtschaft, merkte aber dann, dass ihm der Umgang mit den Pflanzen mehr Spaß machte. Es folgte ein Agrarstudium in Witzenhausen. "Nach meinen Erfahrungen im Erwerbsgemüseanbau habe ich dann meine Vorliebe für alte Kulturpflanzen entdeckt. Hier in Rhauderfehn kümmere ich mich um das Auffinden und Bewahren der alten ostfriesischen Kulturpflanzen", berichtet der traditionsbewusste Bauernsohn. Seit 1995 betreibt Lühring biologische Saatgutvermehrung- und Züchtung nach den Anbaurichtlinien von Naturland.
Lührings persönliches Steckenpferd ist dabei der Grünkohl. In einem Vergleichsanbau werden dieses Jahr über 60 Sorten miteinander verglichen. Mit der so genannten Ostfriesischen Palme, einer Sorte die 1,4 bis 2 m hoch werden kann, ist er weit über die Landesgrenze namhaft geworden. "Norddeutschland ist für seine Grünkohltradition bekannt. Aber nicht nur für die Küche wurde der Kohl angebaut. Blaukohl, so genannter Markstammkohl, wurde früher vor allem als Futterkohl kultiviert", weiß der Ostfriese. Früher spielte der Grünkohl eine zentrale Rolle in der Ernährung der Landbevölkerung. "Das ist heute wohl nicht mehr so. Aber der eigentliche Wert ist die Kultur dieser Pflanze, ist ihre Geschichte. Und diesen Wert möchte ich erhalten", erklärt Lühring.
Die Bauernfamilien hatten früher so oft eine jahrzehntelange Beziehung zu ihrem Grünkohl. Sie haben die Pflanze angebaut, die Kultur gepflegt und geerntet, aber auch Samen gezogen und im folgenden Frühjahr wieder ausgesät. Das Wissen wurde den Nachfolgern immer weitergegeben." Einige dieser alten Grünkohlsorten hat Reinhard Lühring so wiederentdeckt. "Ich bin viel über Land gefahren, habe über den Zaun in die Gärten geschaut und die Leute auf ihre Gemüsesorten hin angesprochen. Gleichzeitig habe ich auch über regionale Zeitungsanzeigen gezielt nach altem Saatgut gesucht. Die alten Landsorten werden hauptsächlich von den älteren Menschen angebaut und vermehrt. Es war für mich immer wieder sehr beeindruckend, wie diese Menschen ein so altes Kulturgut erhalten. Allerdings zeigen die Kinder oft kein Interesse. Und wenn es die Alten mal nicht mehr gibt, können die letzten regionalen Kulturpflanzen auch nicht überleben. Diese bäuerliche Tradition und die damit verbundene Artenvielfalt ist dann vom Aussterben bedroht. In keiner Genbank gibt es diese Sorten aus der Region. Das war letztendlich Anstoß für meine Arbeit. Ich möchte die alte Pflanzenvielfalt, ihren Wert und ihre regionale Bedeutung für diese Region erhalten", beschreibt Lühring die Motivation für seine Arbeit. Natürlich werden auch anderenorts Lührings Lieblinge angebaut. Vielfalt entsteht auch durch regen Austausch. kh
Der vollständige Beitrag ist in dlz Oktober 2010 erschienen.