Sonntag, 26.05.2013
Pestizid oder Pflanzenschutzmittel?
Pestizid oder Pflanzenschutzmittel?
Pestizid klingt nach Pest, dem schwarzen Tod.
Pflanzenschutz klingt behütend. Ein Pestizid soll Schädlingen den Tod bringen, damit Menschen etwas zu Essen haben und Krankheitsüberträger bekämpft werden. Dieser Sinn des Worts ist fast vergessen. Heute ist es ein Schlagwort für "Gift im Essen", und wird umgangssprachlich für alle Pflanzenschutzmittel ("PSE") benutzt. Der eigentliche Nutzen wird nicht mehr gesehen, selbst wenn diese Mittel im Garten oder gegen Mücken eingesetzt werden. Dabei sind Wirkstoffauswahl und Anwendung schonender denn je. Forschung und Prüfung wurden entsprechend teuer. Nur noch große Firmen können sich das leisten. 1980 waren 1.821 PSE zugelassen, 2010 nur noch 644. Neue Wirkstoffe werden teuer, alte billiger. Nicht alle Mittel werden in der
Landwirtschaft eingesetzt. Insektizide dienen vorwiegend dem Vorratsschutz. Wirkstoff ist nicht gleich Wirkstoff.
Pestizid oder Pflanzenschutzmittel?
Bei ähnlicher Wirkung werden unterschiedliche Mengen benötigt. Das macht Vergleiche über die Jahre schwierig. Auch Witterung und Preise spielen mit. Ein feucht-warmes Jahr erhöht den Fungizidabsatz Auswinterungsschäden erhöhen den Herbizidabsatz. Jährlich werden etwa 4.700 Lebensmittelproben auf Gehalte an unerwünschten Stoffen (unter anderem Pflanzenschutzmittel, Schwermetalle, Mykotoxine) untersucht. Auch die Weizenernte wird z.B. auf Rückstände untersucht. Die gesamte PSE-Situation wird zeitnah verfolgt und beurteilt. Ein Anstieg von Funden sagt nichts über einen Anstieg der Risiken aus. Eine bessere Analysetechnik führt zu mehr Minifunden. Mengenmäßig wird auf wichtigen Lebensmitteln eher weniger gefunden. Eine dogmatische Nulltoleranz-Einstellung würde Zielkonflikte auslösen: Wer soll den Mehraufwand abarbeiten, wer ihn bezahlen? Wer verantwortet die sozialen Nebenwirkungen einer geringeren, teureren Lebensmittelproduktion? Wer entscheidet letztlich über anwendbare Mittel: Angst oder Wissenschaft?
Georg Keckl
Die Rubrik "Klargelegt" finden Sie jeden Monat in der Agrarwelt ihres dlz agrarmagazins.
Weiterführende Informationen zum Thema
Greenpeace-Video zu Pflanzenschutzmitteln („Sechs Trauben können die Gesundheit eines Kindes gefährden“):
http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2012/giftimessen101.html
ARD- Fernsehmagazin-Panorama zu diesem Greenpeace–Video mit Nachberechnung des BfR zu der Behauptung „Sechs Trauben können die Gesundheit eines Kindes gefährden“:
http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2012/giftimessen101.html
BMELV: Produktion, Ausfuhr und Inlandsabsatz an Wirkstoffen in Pflanzenschutzmitteln
http://berichte.bmelv-statistik.de/SJT-3060710-0000.pdf
BMELV: Zahl der zugelassenen Pflanzenschutzmittel:
http://etracker.zadi.de/lnkcnt.php?et=W5E&url=http://berichte.bmelv-statistik.de/SJT-3060900-0000.pdf&lnkname=http://berichte.bmelv-statistik.de/SJT-3060900-0000.pdf
BMELV: Pflanzenschutzmittelrückstände, repräsentative Untersuchung der Weizenernte im Rahmen der Besonderen Ernteermittlung (BEE):
http://berichte.bmelv-statistik.de/EQB-6002030-2011.pdf sowie
http://berichte.bmelv-statistik.de/SJT-4500250-0000.pdf
BMELV: Lebensmittel-Monitoring (mehrere Seiten):
http://berichte.bmelv-statistik.de/SJT-4500600-0000.pdf
EU-Grundsätze zum Pestizideinsatz:
http://ec.europa.eu/food/plant/index_de.htm und
http://ec.europa.eu/food/plant/protection/pesticides/index_de.htm und
http://ec.europa.eu/agriculture/envir/pesticides/index_de.htm
EU-Pestizid Datenbank (englisch). Im Englischen hat „Pesticide“ nicht den Beiklang wie im Deutschen, dort war der Begriff schon immer weiter gefasst. Die Pest heißt auf Englisch „plague“. Die „Verenglischung“ der deutschen Sprache kann alte Sprachbilder verzerren.
http://ec.europa.eu/food/plant/protection/pesticides/database_pesticide_en.htm
Sie können diesen Artikel kommentieren und mit agrarheute.com-Lesern und der Redaktion über das Thema diskutieren. Geben Sie hier Ihren Kommentar ein: